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Dem Gedächtniß der Großherzogin

Sophie von Sachsen.

Ein bedeutendes, wahrhaft fürstliches Leben hat am 23. März durch den Heimgang der Großherzogin Sophie von Sachsen seinen schmerzlich empfundenen Abschluß gefunden. Was dies Leben für das Großherzogliche Haus und die Weimarischen Lande, was es für unsere Literatur und Kunst, für den geistigen und sittlichen Besitz des deutschen Volkes bedeutete, das hat nicht nur die tiefe Trauer Aller, die der verewigten Fürstin nahe standen, das hat die innige Theilnahme aller gebildeten Kreise der Nation in mannigfaltigen Kundgebungen würdig bezeugt. Unter den Trauernden hat auch die Deutsche ShakespeareGesellschaft gestanden, steht sie am heutigen Tage in ganz besonderer Weise. Vertreten durch ihren Vorsitzenden durfte sie am Tage vor der Beisetzung am Sarge der Großherzogin einen Palmenzweig niederlegen. Heute, am Stiftungstage, wo zum ersten Male seit der Begründung ihr nicht gegönnt ist, die hohe Protektorin in ihrer Mitte zu begrüßen, ihr das Shakespeare-Jahrbuch, die Jahresfrucht unserer Arbeit zu überreichen, bringt sie an dieser Stelle ihrem Andenken aus wehmuthsvollem Herzen eine Huldigung dar, den Dank für so viele Beweise der stets gleichmäßigen und lebhaften Theilnahme an unsern Bestrebungen und Arbeiten, Beweise des vollsten Verständnisses für unsere Aufgabe, deren sich Seitens der Hohen Frau die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft in einem Zeitraum von mehr denn 3 Jahrzehnten erfreuen durfte.

Die Großherzogin Sophie von Sachsen war eine jener seltenen Naturen, die alles Gute, was in den Kreis ihrer Betrachtung und ihrer thätigen Antheilnahme tritt, mit großem und freiem Sinne erfassen und adeln durch selbstlosen Adel der eignen Seele, über das Kleine und Alltägliche vornehm hinwegsehen, niemals aber Unwürdiges empor

heben. Der in tiefster Wahrhaftigkeit begründeten Lauterkeit ihres Wesens war alles Scheinwesen auf's Tiefste zuwider; wo sie aber echten Kern und Gehalt gefunden, da hatte sie Herz und Hand offen. Shakespeare selbst kündet uns ihr eigene Züge, wenn er von einem seiner Helden sagt:

His heart and hand both open and both free:
For what he had, he gave, what thought, he showed;
Yet gave he not till judgment guided bounty,

Nor dignified an impair thought with breath. So haben Alle, die zu ihr in Beziehung traten, so hat auch die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft die Fürstin gekannt, sie verehrt. Aber noch ein Großes trat hinzu: der Ernst, mit dem sie jede Arbeit ehrte, erfaßte, förderte. Ihre Antheilnahme war niemals eine solche des Wortes, niemals auch eine solche nur der bloßen Freude an dem Gelingen, oder des Kummers um den Fehlschlag; wo sie ihren Schutz zusagte, da war sie auch Mit-Arbeiterin, selbstverständlich nicht in der buchstäblichen Bedeutung des Wortes, wobl aber im höchsten und größten Sinne, indem sie die Arbeitenden mit der Kraft ihres Geistes und ihrem tiefen ethischen und ästhetischen Empfinden zu den höchsten Leistungen anregte.

Als am 23. April 1864 die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft in Weimar gegründet ward, entsprach die Großherzogin der Bitte der konstituierenden Generalversammlung und des Vorstandes um Uebernahme des Protektorats. Wie sie diese Würde auffaßte, sagt das an sie gerichtete Widmungsgedicht im ersten Bande des Jahrbuchs:

Du gabst unserm Wirken
Ein schützendes Obdach;
Du pflanztest den Baum,

Deß Früchte wir bringen. Gewiß, die Großherzogin hat über die Gesellschaft die schützende Hand gehalten; aber sie hatte ungleich mehr gethan, sie hatte in der That den Baum selbst gepflanzt. Ein näheres Eingehen auf die Entstehungsgeschichte der Gesellschaft zeigt, daß nur durch ihr thätiges Eingreifen selbst die Vorarbeiten zu einem erfreulichen Abschluß gebracht werden konnten. Im Frühjahre 1863 bereits hatte Wilh. Oechelhäuser in einer Abhandlung «Ideen zur Gründung einer Deutschen ShakespeareGesellschaft» zu Schritten in dieser Richtung aufgefordert, die am 300jährigen Geburtstage Shakespeare's ihren Abschluß finden sollten. Seine Bemühungen, vor allem den Leiter des Weimarischen Hoftheaters, Dingelstedt, für seinen Plan zu gewinnen, hatten, obwohl dieser selbst früher Grundzüge für einen Shakespeare - Verein entworfen hatte, zunächst keinen Erfolg. Nachdem aber die Großherzogin Sophie eingehend Kenntniß von der Denkschrift genommen und die Bedeutung des Planes gewürdigt hatte, griff sie selbst ein und veranlaßte auch Dingelstedt, der Sache näher zu treten.) Am 12. März 1864 erließen Oechelhäuser und Dingelstedt die Einladung zu der Gründung der Gesellschaft, die dann am 23. April desselben Jahres erfolgte. Dingelstedt's Interesse an der Gesellschaft verflüchtigte sich bald; die Großherzogin Sophie hat ihr unausgesetzt das nämliche Maß hohen geistigen Interesses und werkthätiger Förderung zugewendet. Sie unterstützte sie materiell durch werthvolle außerordentliche Spenden, die namentlich der Shakespeare - Bibliothek zu Gute kamen. Der Grund- und Eckstein dieser Sammlung, die photographische Reproduktion der ersten Folio-Ausgabe der Werke Shakespeare's, erschienen unter dem Titel: «First Folio Edition of 1623. Reproduced, under immediate supervision of H. Staunton, by photolithography (London 1864/67)» ist eine kostbare Gabe der Fürstin, die überdies gleich bei der Gründung der Gesellschaft dieser eine Summe von 1500 Mk. für Ankäufe auf dem Gebiet der Shakespeare-Literatur überwies. Alljährlich spendete sie einen bedeutenden Mitgliedsbeitrag 600 Mk. der ebenfalls zu nicht geringem Theil der Bibliothek sowie dem Shakespeare-Jahrbuch zu Gute gekommen ist. Aber noch werthvoller als diese reichen Gaben war die Hilfe, die die Großherzogin durch weisen und praktischen Rath der Gesellschaft angedeihen ließ, und dadurch nach dem Bericht eines klassischen Zeugen, der den Verhältnissen der Shakespeare - Gesellschaft wie kein anderer nahe gestanden hat, manche Klippen persönlicher Natur beseitigte. Die Schöpfung selbst, damals die erste dieser Art in Deutschland, lag ihr am Herzen als eine werthvolle Kundgebung germanischen Geisteslebens, und das Interesse an ihr wurde nicht gemindert, als später auf den Namen Goethe's eine neue, ähnliche, tiefer wie die unsere im nationalen Boden wurzelnde, aber denselben Zielen: der Pflege des Schönen und Guten und Wahren, des in edelster Sittlichkeit begründeten Idealismus, der geistigen Vertiefung der Nation zustrebende Schöpfung in das Leben trat. Die Jahresversammlungen, die regelmäßig in Weimar stattfanden, sahen die Großherzogin mit ibrem Gemahl, dem Großherzog, fast stets in ihrer Mitte; die Aufmerksamkeit, mit der die hohe Frau den Vorträgen folgte, die

1) W. Oechelhäuser: Shakespeareana, S. 15 ff.
2) Oechelhäuser a. a. 0.

Bemerkungen, die sie in den Gesprächen mit den anwesenden Mitgliedern in der Versammlung und später im engeren Kreise austauschte, bezeugten, daß die Fürstin ihres Amtes nicht im Sinne einer bloßen Formerfüllung waltete, sondern in der echten Freude an der wissenschaftlichen, an der literarischen Arbeit, die, der niederländischen Prinzessin schon in den Tagen der Jugend durch verständnisvolles Studium der klassischen Dichter Deutschlands und Englands, Frankreichs und Italiens eingeflößt, der Großherzogin das Leben hindurch auf dem bedeutungsvollen und vielsagenden Boden Weimar's eine Quelle reichsten und edelsten Genusses geblieben ist. Der intime Verkehr mit den Erzeugnissen edler Geister war ihr die beste Erfrischung in einem mit Arbeiten der mannigfaltigsten Art fast überbürdeten Leben. Die Männer der Wissenschaft und der Literatur, denen es vergönnt war, in unmittelbare Beziehungen zur Großherzogin Sophie zu treten, haben ihre bedeutende Eigenart grade in dieser Beziehung am besten zu würdigen gewußt, und so ist es natürlich, daß die hervorragenden Geister, die die Shakespeare-Gesellschaft in sich vereinigte, Männer — um nur der Verstorbenen zu gedenken wie Ulrici, Friesen, Delius, Schöll, Bernays, Elze, Hertzberg, Bodenstedt, Köhler, Zupitza, v. Vincke u. a., der erlauchten Schirmherrin stets mit der größten Wärme des Urtheils, der lebhaftesten Bewunderung gedachten, und sich ihr wie für die Begründung so für das Fortbestehen der Gesellschaft zu innigstem Danke verpflichtet wußten.

Die gleichen Gefühle erfüllen den Kreis der jüngern Forscher, die unter der Führung von Oechelhäuser und Leo, den beiden letzten Veteranen aus der Zeit der Gründung, das gemeinsame Werk kräftig zu fördern bestrebt sind und heute tiefbekümmert am Grabmal der Fürstin stehen, deren Leben und Wirken auch für sie bedeutungsvoll, gesegnet gewesen ist.

Gewiß, der Dichter der «Widmung im ersten Bande des «Shakespeare-Jahrbuchs» hat recht, wenn er ausruft:

Ein Feuer zu zünden,
Das sonnengleich leuchtet,
Unlösch-unzerstörbar,
Die Herzen erwärmend,
Die Geister erhebend
Vermag nur der Dichter,
Vom Himmel geweiht
Zum irdischen Herold
Des ewigen Lebens.

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