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es erscheinen, als freundlich-menschliches Gesicht. Alles athmet, alles lebt, und der Tod ist nur das Hauptbuch über Einnahmen und Ausgaben des Lebens. Ganz anders Hamlet; da ist alles mystisch. Ueberall sonst tritt der Heroismus hervor, bei Hamlet steht die blöde Genialität im Hintergrunde. Da ist die Nachtseite, die weibliche Natur des Lebens, das Empfangende, Gebärende; da hören wir die Wehen der Schöpfung. Sonst überall bei Shakespeare erscheint die Philosophie, und gestaltet sich als Erfahrung, und steigt als Dunst der Philosophie zum Wolkenhimmel auf. Alle anderen Charaktere des Dichters sind konvex und bilden Brennpunkte; Hamlet ist der einzige konkave Charakter, dessen Strahlen divergieren. Alles sonst, auch das Furchtbarste, das Gräßlichste, erscheint im Sonnenlichte; bei Hamlet erschreckt selbst der Scherz, denn ihn bleicht der Mondschein. Nicht der Geist des ermordeten Königs ist das schlimmste Grauen; er zeigt sich in der Nacht, in dieser dunkeln Wohnung der Geister, wo wir nur schüchterne Gäste sind. Der Geist bei Tage, in unserm eigenen Hause -- Hamlet's Geist – ist viel entsetzlicher. Shakespeare ist König, nicht Unterthan der Regel. Wäre er wie ein Anderer, dürfte man sagen: Hamlet ist ein lyrischer Charakter, der aller dramatischen Gestaltung widerstrebt; Hamlet ist das Unding, schlimmer als der Tod, das Ungeborene. Doch es ist Shakespeare! Wir müssen gehorchen und schweigen.

Ueber dem Gemälde hängt ein Flor. Wir möchten ihn wegziehen, das Gemälde genauer zu betrachten; aber der Flor ist gemalt. Die Nähe des Auges muß die Schwäche des Lichtes ersetzen. Werfen wir zunächst einen Blick auf die Umgebungen unseres Leidenshelden.

So! Und damit, meine ich, ist genug geschehen. Wir dürfen den Börne nach wie vor lieben und hochschätzen, und brauchen ihn nicht zu vertheidigen. Was sich der Mond gefallen lassen muß, kann sich am Ende Börne auch gefallen lassen.

F. A. L.

Jahrbuch XXXIII.

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Heminge und Condell.

Groß kann eine That nur genannt werden, wenn sie mit dem vollen Bewußtsein ihrer Bedeutung, ihrer Folgen begonnen und ausgeführt wird: wenn Guttenberg gewußt hat, daß er durch die Erfindung des Letterdruckes der Vater der Kultur-Entwickelung ward, dann war sie eine Großthat; wenn er dagegen nur an eine technische Verbesserung dachte, die ihm die Arbeit in seinem Gewerbe erleichtern sollte, dann ist nicht die That groß, sondern es sind nur die Folgen, die, ohne Wissen des Erfinders, ihr entspringen. Stephenson soll als einfacher Arbeiter, dem in einem Maschinenbetriebe die Ueberwachung einer Ventil-Vorrichtung übertragen war, und der sich die Mühe der Kontrole dadurch erleichterte, daß er eine Kette anbrachte, welche eine automatische Funktion des Ventils herbeiführte, der Vater des neuen Dampfmaschinen- und Eisenbahn-Betriebes geworden sein. In ihren Folgen war das eine Großthat, wenn auch der Erfinder jene nicht erkannte oder voraussah.

Ob Heminge und Condell wußten, daß sie eine unsterbliche Großthat vollführten, als sie im Jahre 1623 Shakespeare's Werke in der ersten Folio-Ausgabe veröffentlichten wer kann es wissen? Aber das Eine steht fest, daß sie sich den unerschöpflichen Dank der Jahrhunderte erwarben, daß sie sich unsterblich machten, als sie die Werke des Unsterblichen vor der Zersplitterung, ja vor dem möglichen Untergange schützten.

Es sei hier mit flüchtigem Worte dessen gedacht, was in diesen Blättern schon so oft erwähnt worden ist, nämlich, daß Shakespeare sich um die Publikation seiner Werke nie gekümmert, daß er sich derselben sogar feindlich gegenübergestellt habe, weil er, da es zu seiner Zeit keinen Schutz des geistigen Eigenthums gab, aus der Aufführung der Stücke einen Nutzen zog, der ihm möglicher Weise

durch den Druck verkümmert werden konnte. Vierzehn Dramen wurden bei seinen Lebzeiten von Anderen aus dem Gedächtnisse oder aus stenographischen Niederschriften - in den sogenannten Quartos veröffentlicht. Auch um eine Gesammt-Ausgabe kümmerte er sich nicht, und so lag die Möglichkeit nahe, daß, was in der That später geschah, die Manuskripte verbrannten, aber ehe sie durch den Druck vor dem Untergange geschützt waren. Vor diesem unersetzlichen Verluste hat die That der beiden Kollegen Shakespeare's sie beschützt, und spät erst ist man sich der Pflicht bewußt geworden, dem Danke hierfür einen auch äußerlich bleibenden Ausdruck zu geben.

Im Juli des Jahres 1896 ist in dem kleinen Kirchhofe von St. Mary the Virgin, Aldermanbury, London, durch den Lord-Mayor das Denkmal von John Heminge und Henry Condell enthüllt worden. Die Inschrift lautet:

To the memory of John Heminge and Henry Condell, fellow actors and personal friends of Shakespeare. They lived many years in this parish, and are buried here. To their disinteressed efforts the world owes all that it calls Shakespeare. They alone collected his dramatic writings, regardless of pecuniary loss, and, without the hope of any profit, gave them to the world. They thus merit the gratitude of mankind.

Nekrolog:

Michael Bernays. Als mir vor nicht ganz Jahresfrist auf die Zusendung meines Festvortrags, «Ludwig Tieck's Stellung zu Shakespeare» aus Karlsruhe mit dem freundlichen Danke meines verehrten Lebrers auch neue Belehrung und Ergänzung für das behandelte Thema zuging, wie es der alten Gewohnheit des stets gerne aus der unerschöpflichen Fülle seines Wissens spendenden Meisters entsprach, da abnte ich freilich nicht, daß mein nächster Beitrag zum Shakespeare-Jahrbuch der Nachruf für Michael Bernays sein sollte. Wehmüthig taucht vor mir die Erinnerung auf an alle die Stunden, die ich in Kolleg und Uebung wie im persönlichen Verkehr mit ihm verbracht habe. Nur die ibm so nahe standen, wie es meinem lieben Freunde Franz Muncker und mir Jahre hindurch vergönnt war, können voll ermessen, was die Wissenschaft, was die deutsche Shakespeare-Forschung an dem einen Manne verloren hat. Was er dem Drucke anvertraute, das ist ja auch dem Umfange nach viel bedeutender, als manche schnellfertige Nekrologschreiber letzthin meinten. Aber es ist allzuwenig im Vergleich zu dem beispiellosen Umfange von Bernays' Wissen, zu der reichen Belehrung, die jedes Gespräch mit Bernays auch dem wohl Unterrichteten noch gewährte.

Ihn reizte die Untersuchung, das Finden. Keine Zeit und Mühe verdroß ihn, um die Lücken in der eben erschienenen Arbeit eines Anderen, deren Gegenstand ihn interessierte, zu ergänzen, und der Brief, in dem er dann selbstlos den nicht immer dankbaren Autor belehrte, enthielt hie und da werthvollere Ergebnisse als die veröffentlichte Arbeit selbst. Mit öffentlichen Kritiken und eigenen Arbeiten dagegen hervorzutreten, entschloß sich Bernays nicht so leicht. Bei seinen überstrengen stilistischen Forderungen benöthigte der Abschluß auch kleinerer Darstellungen eine Sorgfalt, die er doch wieder lieber der Forschung selbst zuwandte, die Ausarbeitung für die Oeffentlich

keit einer späteren Zeit vorbehaltend. Es war mehr ein glücklicher Zufall, wenn er einmal sich zum Drucke entschloß. Eine Sammlung seiner kleineren «Schriften zur Kritik und Litteraturgeschichte, von der er selbst nur noch den ersten Band (G. J. Göschen'sche Verlagshandlung) vor zwei Jahren herausgeben konnte, war schon, als ich 1874 zum ersten Male die Räume seiner Bücherei in München betrat, sein Lieblingsplan. Wie oft hat er gescherzt, wenn ich ungeduldig ihn zur Ausführung des reiflich erwogenen Planes drängte. Das eile ja nicht; zum Drucken komme man immer früh genug. Und im Hinblick auf sein großes Lebenswerk: die Geschichte der Einwirkung Homers auf die europäischen Literaturen, erschien ihm jede andere Arbeit doch nur als Vorbereitung und geringere Abschlagszahlung. Auch für die Shakespeare-Forschung hätte die Arbeit werthvolle Beiträge geliefert. Chapman's Uebersetzung des Prince of Poets und ihr Verhältniß zu Shakespeare's Troilus and Cressida hat Bernays auch in seinem Shakespeare-Kolleg besonders berücksichtigt. Und auch zwischen Pope's verfeinernd abschwächender Homer-Uebersetzung und seiner Behandlung des Shakespeare-Textes hätte Bernays den Zusammenhang in der klassizistischen Bildung des Uebersetzers und Herausgebers nachgewiesen, gerade so wie er innerhalb der deutschen Literatur die Vossische Homerverdentschung und A. W. Schlegel's Shakespeare-Uebersetzung als zusammengehörende Erscheinungen behandelte.

Das Buch: «Zur Entstehungsgeschichte des Schlegel'schen Shakespeare» (Leipzig 1872) und seine Wiederausgabe der ersten Fassung der Vossischen Odyssee (Stuttgart 1881) ist bezeichnend für Bernays' Behandlung der Literaturgeschichte. Das Buch über den Schlegelschen Shakespeare war ibm erwachsen aus der von der Reimer'schen Verlagsbuchhandlung gestellten Aufgabe, den Neudruck des SchlegelTieck'schen Shakespeare zu besorgen. In einem Vor- und Nachwort (1871/72) hat er in der Ausgabe selbst über seine Arbeit berichtet. Er erkannte das «rühmliche Bemühen der Shakespeare-Gesellschaft» an, für Schlegel's Text mittelst einer durchgreifenden Bearbeitung die Ergebnisse der neueren Shakespeare-Philologie fruchtbar zu machen; aber als Historiker sah er in Schlegel's Verdeutschung ein geschichtliches Denkmal, das darauf Anspruch erheben durfte, auch in seiner unangetasteten Eigenart neben der veränderten Ausgabe fortzubestehn. Wie wenig er indessen geneigt war, den unter Tieck's Namen gehenden Uebersetzungen Gleichberechtigung einzuräumen, das zeigt wieder sein Aufsatz «Der Schlegel-Tieck'sche Shakespeare» im ersten Bande unseres Jahrbuchs.

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